Auf den Morgen zu warten

Betten sind zum Liegen gemacht, da kannst du sagen, was du willst. Aber dieses hier ist schief und das habe ich nie so sehr gespürt wie jetzt. Ich sitze, atme und starre die Telefone an. Es ist alles andere als meine Uhrzeit, aber was soll ich schon tun? Meine Gedanken kreisen doch sowieso wieder nur darum, wie ich selbst dieses Fleckchen schiefer, hässlicher Zeit auf eine gute Weise nutzen kann. Nutzen.
Ich denke an dich, an die Nacht, an schiefe und an gerade Betten. Eine Bahn fährt vorbei und aus meiner Schublade tickt die Zeit. Was soll ich tun mit einem Stück Zeit, das nie richtig meins war? Ich könnte dich aufwecken, dich fragen, denn ich weiß, du weißt die Antwort. Aber warum dich wachreißen, wenn es doch gar keine Antworten sind, die ich brauche? Ich lasse dich schlafen und überlege weiter. Durch die Jalousien fällt ein erster Lichtstrahl. Dann fällt es mir ein.

Prinzipien der Kreativität

Kürzlich bin ich auf eine interessante Grafik gestoßen (Klappe halten, auf solchen Seiten treibt man sich nun einmal herum, wenn man Varianten des letzten Abendmahls in Mailand von Leonardo da Vinci recherchiert), die gut zusammenfasst, was ich mir selbst zu diesem Thema schon öfter gedacht habe.

Auf den ersten Blick wirkt es etwas sarkastisch, aber wenn man genauer darüber nachdenkt, macht es Sinn.

Natürlich, es gibt auch diese „Einfälle“ und Geistesblitze. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die nicht auch einem solchen Prozess entstammen, der in dem Fall lediglich unterbewusst abläuft. Letztlich stellt das in Frage, inwiefern Menschen überhaupt zu wirklich eigenständigen Ideen in der Lage sind.

Warum nicht mal so?

Ich kann ja einfach nicht anders. Wenn Mitmenschen in Not sind, da legt sich dieser Schalter um und ich kann mich dagegen schlicht nicht wehren.

Heute war ich mit dem Fahrrad unterwegs, hab es am Marktplatz abgestellt und was sehen meine staunenden Augen da? Genau am selben Pfosten, an dem ich mein Fahrrad anketten will, steht schon eines – völlig ungesichert. Keine Kette, kein Bügel, kein Schloss.

Finde ich unverantwortlich, sein Fahrrad einfach so rumstehen zu lassen. Das riecht fast nach Versicherungsbetrug. Aber naja, ihr kennt mich, ich bin da nicht so. Und meine Kette war lang genug für beide Fahrräder.

Nichts für ungut. Ich tue nur meine Bürgerpflicht.

Wirrwarrwelt

Ein bisschen ist es, als wäre ich noch in der Wohnung, und das, obwohl die Luft ganz anders schmeckt. Obwohl die Sonne zwischen den Bäumen hervorsticht. Obwohl der Weg unter meinen Füßen eine Straße ist.

Irgendwie fühlt sich die Schwerkraft an, als wäre sie aus Kaugummi. Nicht klebrig, sondern rosa wie der lasziv von einer Blondine gekaute amerikanische bubblegum. Die Schritte, die ich mache, sind eigentümlich nah am Boden.

Ich laufe über den Parkplatz und merke, wie die Luft um mich herum schwingt. Alles ist lebendig. Nicht nur die Bäume beugen sich stirnrunzelnd hinter meinem Rücken, über meinen Schultern. Sonorig salbadern die Autos. Insekten brummen lautlos.

Voller Resonanz schwingt das Kopfsteinpflaster.

Ich höre und weiß, dass es keine Musik ist. Aber in der Abendsonne und im Ziehen meiner Finger spüre ich die Melodie.

Why I’d have to be superman

In „I’m no superman“ wies ich auf eine problematische Dreiecksbeziehung hin, die nichts mit dem Postboten zu tun hat, sondern viel mehr mit akademischen Berufen. Es geht um die Unzulänglichkeiten des Bachelors, die sich meiner Meinung nach aus drei Komplexen zusammensetzen: Stoffmenge, Didaktik und Prüfungen.

1. Stoffmenge:

Weit verbreitet unter den Lehrenden scheint die Auffassung zu sein, dass die Studenten im Semester nur eine einzige Veranstaltung besuchen: die ihrige. Da wird man mit einer Frequenz zugekleistert, die jedem männlichen Karnickel Ehrfurcht und Potenzzweifel bescheren dürfte. Lektüren, Skripte, Handouts, Präsentationen und handschriftliche Notizen sind völlig selbstverständlich für jede Veranstaltung zu verarbeitende Inputs.

Verweise auf zusätzliche Literatur sind definitiv zu verfolgen! So ungern ich dieses Klischee reproduziere – umso tiefer scheint es im Bewusstsein der Lehrenden verankert zu sein: Studenten sind faul, faul, faul. Und wer nicht zwischen wöchentlichen Lektüren, Hausarbeiten und Anwesenheitspflichten die Zeit für ein gutes Buch (oder noch schlimmer: gar nicht das Interesse) hat, der ist ohnehin schlecht beraten, überhaupt studieren zu wollen. Von privaten Verpflichtungen und Auszeiten wollen wir gar nicht erst anfangen.

2. Didaktik:

Anwesenheitspflicht. Etwas kontra-produktiveres habe ich noch nicht erlebt.

Als meine Entscheidung für ein Studium fiel, fiel sie ebenso für einen Lebensstil, der geprägt ist von Eigenverantwortlichkeit. Dass ich gezwungen werde, mir wandelnde Anachronismen anzuhören, deren bodenloses Defizit in Selbstpräsentation nur noch unterboten wird von einer unvergleichlich katastrophalen didaktischen Leistung in Bezug auf den eigentlich zu vermittelnden Stoff, ist eine Unverschämtheit. Wenn eine Vorlesung nur von 10% der angemeldeten Studenten besucht wird, hat dies wohlmöglich andere Ursachen, als deren Faulheit und somit ist vielleicht auch die Lösung des Problems nicht in einem entmündigenden Zwang für die Studenten zu suchen, sondern in einer Qualitätsüberprüfung der Arbeit des Dozenten.

Ich kann es nicht akzeptieren, dass in einer Zeit, in der bei den Studenten völlig selbstverständlicherweise die Kenntnis und Beherrschung multimedialer Präsentationsformen vorausgesetzt wird, jeder zweite Dozent seitenlange Schachtelsätze auf seine Folien schreibt oder es aus Zeitgründen nur schafft, die Hälfte seiner Präsentation durchzuziehen.

Es ist für mich schlichtweg unverständlich, wie jemand eine Professur innehaben kann, der nicht die grundlegensten Praktiken der Wissensvermittlung beherrscht oder berücksichtigt.

Ich kann von Glück sagen, die schlimmste Vorlesung dieser Art nicht besuchen zu müssen, da es dort noch keine Anwesenheitspflicht gibt. Dies schlägt sich auf der anderen Seite dann aber natürlich wieder in der Stoffmenge durch, die für die nächste Klausur zu bewältigen ist.

3. Prüfungen:

Wer ist auf die Idee gekommen, in jedem Modul jeden Semesters abschlussnotenrelevante Prüfleistungen zu verlangen? Und: Was hat das für einen Sinn? Verdammt, ich will nicht stumpf jedes verdammte Paradigma lernen, das schon vor 50 Jahren für die Forschung nicht mehr relevant war. Natürlich ist es nötig, eine Kenntnis der Historie des eigenen Fachs zu haben, aber diese sollte sich auf relevante Merkmale beschränken.

Drei Teilprobleme, visualisiert in einem mehr als aussagekräftigen Chart.

Zeigt nicht meine Bachelor-Arbeit, welche Fähigkeiten und welches Wissen ich im Studium erworben habe? Wenn es sein muss lasse ich auch gerne einige Hausarbeiten bewerten, aber dieses ewige Überprüfen jedes kleinsten Lernfortschritts nimmt paranoide Ausmaße an. Es engt die individuelle Freiheit ein und erzieht zur Unmündigkeit.

Fazit:

Diese Entwicklung zieht sich durch alle drei Problembereiche und hat untereinander multiplikatorische Wirkung.

Wie soll ich lernen, mir eigenständig Wissen anzueignen, wenn mir ständig jedes Wissensquäntchen vorgeschrieben wird? Wie soll ich mich ernsthaft für etwas interessieren, wenn ich es schon kaum schaffe, mein Mindestpensum zu erfüllen? Wie soll ich kritisch denken lernen, wenn ich keine Möglichkeit habe, Kritik zu äußeren?

Die permanente Beschäftigung durch permanente Wissensabfrage, die sich zumindest teilweise auf schlechte Lehrmethoden gründet, hat dabei noch weitaus mehr als nur diese eine Dimension. Sie greift in mein Privatleben und fordert mich auf, andere Dinge liegen zu lassen, wenn ich gerne gute Noten haben möchte. Und ich möchte gute Noten haben, denn wo lande ich sonst auf dem Arbeitsmarkt?! Mein Studium meint:

Ich sollte keine Hobbys haben.

Ich sollte keine Freunde haben.

Ich sollte keine Beziehung haben.

Aber sind es nicht gerade diese Dinge, die einen Blick über den Tellerrand ermöglichen? Ist es nicht oftmals die Freizeit, in der man prägende Dinge erlebt und Kompetenzen erwirbt? Durch die Vorlesungen habe ich bisher keine Geduld gelernt, keine Konfliktfähigkeit, keine Empathie, keine Führungskraft, keine Motivation, keine Kritikfähigkeit, keine Entschlossenheit, keine Phantasie, keine Zweifel, keine Vorsicht, keine Freundlichkeit, keine Gelassenheit.

Mir graut es vor dem Tag, an dem all das durch Wissen ersetzt wird. Studium sollte so viel mehr sein als pure, flüchtige Wissensverarbeitung. Doch so wie ich es im Moment sehe, ist es so viel weniger.

I’m no Superman

Es gibt vieles, was einem die eigenen Grenzen aufzeigen kann. Ob es nun ein Glas Pfeffi mehr ist, als man verkraftet, oder eine Klausur, auf die man doch nicht so gut vorbereitet war, wie man dachte – es ist nie schön, wenn man erkennen muss, dass man doch nicht so viel schafft, wie man denkt. Und um den Kreis um den lieben J.D. zu schließen: I can’t do this all on my own. I know that I’m no superman.

Paradoxerweise (und für eine derart Scrubs-artige Einleitung echt untypisch), soll es aber um das Thema des „Nicht-Schaffens“ eigentlich nicht gehen, beziehungsweise, um genau zu sein, nur um dessen medallien-rückseitigen Kehrwert. Etwas zu schaffen setzt schließlich voraus, dass man eine Art von Anforderung bewältigt – und hier soll es mehr um die Anforderungen gehen als das Schaffen (und schon gar nicht das Anschaffen).

Aber von was für Anforderungen spreche ich eigentlich?

Gemeint sind systemische Anforderungen, die von den zwei Komplexen namens Leben und Studium ausgehen und die oftmals unvereinbar miteinander sind.

Zugegebenermaßen, als ich Fuck the System? schrieb, war ich noch der Auffassung, mein nächster Post würde „Fucked by the system!“ lauten, was in meinen Augen und nach einiger Überlegung immer weniger witzig und irgendwie immer mehr nach plattem Pathos klang. Deshalb will ich versuchen, dem Ganzen ein wenig weniger polemisch zu begegnen, obwohl mir das, zugegebenermaßen, schwerfällt.

Nach dieser ellenlangen Einleitung aber jetzt mal Curry bei die Wurst. Über das Bachelor-Studium ist viel geschrieben, postuliert und gepredigt worden. Aus eigener Erfahrung bestätigen kann ich eins: Es ist hart, teilweise zu hart. Sich einen Vorsprung zu erarbeiten ist schwierig und wenn man das wirklich will, muss man Opfer bringen.

Meiner Meinung nach setzt sich das Gesamtproblem aus drei Teilproblemen zusammen, die, natürlich, jeweils ihre eigenen Bezugssysteme haben – sich aber letztlich alle auf einen gemeinsamen Hauptfaktor auswirken: Zeit.

Es ist schon als systematisch zu sehen, wie die eigene Freizeit immer weiter eingeschränkt wird. Das perfide daran ist, dass man letztlich selbst derjenige ist, der darauf trainiert wird, die eigene Freizeit und Freiheit immer weiter zu beschneiden.

Mehr dazu im nächsten Post.