Von Wurzeln und Blüten

Es gibt viele Dinge, mit denen man sich die Zeit vertreiben kann. Hobbys. Freunde. Für einige Stunden kann es auch sehr erquicklich sein, sich an den Füßen rumzuspielen (die beruhigende Wirkung dieser Tätigkeit sollte wirklich in keiner Weise unterschätzt werden!). Aber auf Dauer hat das doch wenig Substanz. Mal ehrlich, wer will denn auf Dauer ständig mit brabbelnden, riechenden Entitäten aufs nächste zusammengepfercht sein?
Und betrachtet hingegen die edelgasige Reinheit klangvoller Blogosphären! Das seidige, beruhigende Geräusch tackender Tastaturanschläge! Die biblische Unschuld vielfälter Feeds und die forcierende Gewalt kämpferischer Comments!
Hier wird sich noch aufgeregt, bekämpft, hier wird noch chauveniert, defätiert und existiert. Das Internet löst den venezianischen Maskenball gesellschaftlichen Umgangs auf. Jedes Monster kann sich zeigen wie sein Zeuger es schuf. Na, wenn das nicht die Urform aller Demokratie ist?
Die Wahrnehmung dieser Rechte findet doch längst online statt, nur leider völlig unzureichend – und überwiegend wirkungslos. Wer geht denn heutzutage noch auf die Straße? Wer steht denn tatsächlich noch auf, um seine Meinung kundzutun? Oder um jemanden effektiv am Kundtun der seinigen zu hindern?
Und wer bleibt in Ruhe sitzen und hämmert, erfüllt von grimmigem Stolz, seitenweise Anschuldigungen in die Weiten des Web hinaus? Der Weg des geringsten Widerstands ist eben der zur Tastatur. Das ist so lange unbedenklich, wie er zum Ziel führt – nur, wo überhaupt das verdammte Ziel ist, das kann schon längst keiner mehr sagen. Das Internet wurde vielleicht von Menschen erschaffen, aber daraus ergeben sich noch längst keine Besitzansprüche, geschweige denn Nutzungsqualitäten.
Die Wurzel allen Übels liegt in der menschlichen Natur. Die Blüten wachsen in die Blogosphäre.