Wo ist deine Gelassenheit hin?

Es war einfach egal.
Früher, in der Schule, war es egal, ob ich die Hausaufgaben gemacht hatte. Wenn du fest davon überzeugt bist, dir aus dem Stehgreif eine Antwort ausdenken zu können, dann kannst du es. Improvisieren, wenn nötig, ganze Absätze. Improvisationstalent und Schlagfertigkeit, zwei Dinge, mit denen man  im Schulsystem weit kommen kann.

So etwas gibt Gelassenheit. Oder ist es anders herum? Gibt Gelassenheit das Vertrauen, das für diese Art von Dreistigkeit nötig ist? Der Königsschluss wäre ein Kreis, ein Krokodil, das sich selbst in den Schwanz beißt.

Einen Eistee Zitrone trinken, sich auf den Sportplatz, in die Sonne, setzen und des Hausmeisters Laugenbrötchen genießen. Vielleicht auch statt des Eistees ein Kakao? Eine Pause dauert nur 15 Minuten, aber Hedonismus kann Zeit beliebig dehnen, oder nicht? Genuss und Gelassenheit, da ist definitiv eine Verknüpfung.

Wo ist deine Gelassenheit hin?

– fragst du – und die Frage steht vor mir wie ein Nashorn in meinem Wohnzimmer. Es schnaubt und starrt mich an, während ich mich frage, warum ich mich nicht frage, was das Nashorn hier macht.

Früher hätte ich es vielleicht beim Horn gepackt und gefragt, wo es seinen Plural gelassen hat. Aber das habe ich wohl hinter mir gelassen. Jetzt kann ich kaum anders, als es mit seinem dicken Kopf durch die Tür zu quetschen. Und zu übersehen, dass es genau deshalb nicht geht, weil ich es zu sehr will. Das Nashorn muss weg, es muss. Aber durch Schieben wird das nichts, dafür ist es einfach zu trotzig.

Woher kommt diese Entwicklung? Mein persönliches Universalfeindbild der Gesellschaft ist wohl kaum Schuld. Klar, sie mag gesagt haben, dass ich unbedingt gut sein muss, aber das war nicht der Grund, aus dem ich es wollte. Und mein Wollen überstieg auch den Wunsch, gut zu sein. Gut zu sein, reichte nicht aus. Ich wollte nicht der Beste sein, sondern besser.
Das Problem dabei ist nur, das einem niemals die Komparative ausgehen.

Ein anderer Gedanke: Die Beschäftigung, die viele Arbeit, der Stress. Vielleicht findest du in diesem Dickicht nicht mehr, was du suchst? Vielleicht hackst du dich durch endloses Unterholz und stößt doch nur auf weitere große, graue Körper? Nein,  daran liegt es nicht. Stress ist ein Symptom. Er existiert nicht, so lange ich ihn nicht selber produziere. Wer sich Stress macht, ist selber Schuld?

Über diesen Gedanken schnaubt das Nashorn nur verächtlich.
Vielleicht, denke ich, sollte ich ihm das nicht übel nehmen.
Vielleicht weiß es sogar ganz genau, warum es schnaubt.
Ich setze mich hin und überlege. Vielleicht sollte ich es einfach mal danach fragen. Ihm ein Laugenbrötchen und einen Kakao anbieten. Nashörner sind pflegeleicht und stinken nur wenig – vielleicht mache ich einfach mal ein gemütliches Picknick mit ihm, unterhalte mich mit ihm über Dinge, über die Nashörner so reden. Vielleicht mag es Kakao. Vielleicht wird es ein anregendes Gespräch. Und wer weiß? Vielleicht geht es danach ja von ganz alleine seines Weges.