Manegenkönig

Ich spiele vor leeren Rängen Verdrängen
dreh Einräder-Runden auf runden Traumfängern
fahr Kreise, umkreise und wandel in Gängen
Ich schlage mich selbst immer wieder um Längen

Ich bewerf mich mit Messern und scharfen Gedanken
gedenk mir mit stumpfen Worten zu danken
Werd wanken und schwanken und bleib hinter Schranken
die sich wie ein Schlangenmensch um mich herum ranken

Ich stecke den Kopf zwischen Löwenzähne
Erwähne mit seinem Gebrüll neue Pläne
Ich zähme mich selber und säg mich in Späne
Zermalm meine Knochen, zerfalle und gähne

Ich bin der Manegenkönig und tanze für mich
im Scheinwerferschatten und ohne Gesicht

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Phönix

Der Funke entzündet sich. Er beginnt, sich auszubreiten, läuft der Vene entlang in Richtung Herzen. Wo das Licht auf andere Venen trifft, verzweigt es sich. Die Feuerpfade werden weitläufiger, der Funke wird zur Glut und greift nun auch auf Adern über.

Wo die Flammen tanzen, wärmt sich die Haut. Erstarrtes beginnt zu leuchten, Gefrorenes zu singen und unter einer Schicht aus Verzweiflung beginnt ein Körper, sich zu regen.

Immer näher kommt das Lauffeuer dem Herzen, bahnt sich seine Wege durch Schichten aus Eis und Trauer, durchschlägt Schorf und Krusten.
Dann – in einer Welle aus Glut und Befreiung – Flammen lodern – eine Eruption aus Glas – Funken brennend im Nachthimmel – Eis und Splitter – Feuersbrunst – Herzexplosion.
Ein lodernder Vogel steigt in die Luft. Die Schwingen sind aus Licht, das Gefieder aus Feuer. Sein Umriss verschmilzt mit der Morgensonne.

<::< Metamorphose

Metamorphose

Ist es ein Glühwurm, der da so leuchtet? Dafür ist der Schein eigentlich zu rötlich und auch zu hell. Aber etwas ist da doch! Es glimmt. Tief unter Schichten aus Schatten, Staub und Finsternis schimmert Leben.

Ein Lufthauch und der Nebel verfliegt. Ein ovales Gebilde wird sichtbar, gespannt aus Schwärze und Todesweben. Es schwebt in der Luft, erhärtet und erstarrt.

Ein Windstoß und der glimmende Schein flackert auf. Ein Funken springt in die Finsternis, stürzt durch getrocknetes Wasser und Leere. Ewig scheint er zu fallen, doch kurz vor dem Erlöschen landet er auf einer erfrorenen Vene.

<::< Die schwarze See                                                 >::> Phönix

Die schwarze See

Der Junge steht am Ufer. Die schwarze Oberfläche kräuselt sich von Zeit zu Zeit, offenbart Einblicke in Tiefen, die Zentimeter um Zentimeter ins Nichts kriechen.

Die See schläft nicht.

Der Junge hadert. Dunkler Nebel kriecht heran, umspielt seine brennend nackten Knöchel, streichelt die See, vereinigt beide in seinem Dunst.

Die See sträubt sich.
Sie zieht sich zusammen, lauert. Die Oberfläche ist glatt. Mit einem Satz federt sie los, streckt sich. Durchfurcht das Land mit ihren Krallen.
Wie ein Hexenkessel schäumt die See, brodelt, schickt heiße Dämpfe und Gischt voraus. Sie will den Jungen, will ihn verschlingen, wild und blind. Sie zerrt an seiner Kleidung, an seiner Haut, den Knochen, reißt ihn, umschäumt, umschließt ihn in einem seidenen Kokon.
Die Finsternis ist absolut.

>::> Metamorphose

Tiere und Sex

Ausbeutung verstorbener Dichter ist kein Kavalliersdelikt. Da kann ich von Glück reden, dass das hier kein Diebstahl ist, sondern eine Würdigung. Ich finde es immer inspirerend, wenn fähige Menschen sich auch für Bescheuertes nicht zu schade sind.

Robert Gernhardt
Animalerotica

Die Dächsin sprach zum Dachsen:
»Mann, bist du gut gewachsen!«
Der Dachs, der lächelte verhalten,
denn er hielt nichts von seiner Alten.

Der Förster, der grad Möhren dörrte
und dabei ein Röhren hörte,
sprach: »Wer den Hirsch beim Röhren stört,
der eben in den Föhren röhrt,
dem schlag’ ich meine Möhren
achtkantig um die Ohren.«

Der Bär schaut seinen Ziesemann
nie ohne stille Demut an.

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Auf den Morgen zu warten

Betten sind zum Liegen gemacht, da kannst du sagen, was du willst. Aber dieses hier ist schief und das habe ich nie so sehr gespürt wie jetzt. Ich sitze, atme und starre die Telefone an. Es ist alles andere als meine Uhrzeit, aber was soll ich schon tun? Meine Gedanken kreisen doch sowieso wieder nur darum, wie ich selbst dieses Fleckchen schiefer, hässlicher Zeit auf eine gute Weise nutzen kann. Nutzen.
Ich denke an dich, an die Nacht, an schiefe und an gerade Betten. Eine Bahn fährt vorbei und aus meiner Schublade tickt die Zeit. Was soll ich tun mit einem Stück Zeit, das nie richtig meins war? Ich könnte dich aufwecken, dich fragen, denn ich weiß, du weißt die Antwort. Aber warum dich wachreißen, wenn es doch gar keine Antworten sind, die ich brauche? Ich lasse dich schlafen und überlege weiter. Durch die Jalousien fällt ein erster Lichtstrahl. Dann fällt es mir ein.